+49 611 371321
info@vogel-detambel.de
Mo. – Fr. 08:00-18:00
+49 611 371321
Mo. – Fr. 08:00-18:00

Karriere-Lektionen

Folge 29

Veröffentlichung:
21.08.2026

Legal & Compliance: Vom Kontrolleur zum strategischen Business Partner

Die Berufung von Dr. Tobias Brandis zum Chief Legal and Compliance Officer bei Daimler Truck zeigt, dass Branchenwechsel auf Top-Level durchaus funktionieren können – wenn Führungskräfte nicht über ihre Branchenzugehörigkeit, sondern über ihre übertragbare Verantwortung überzeugen. Brandis bringt Erfahrung aus der Chemieindustrie, internationalen Geschäften, Transformation und Unternehmensführung mit und wechselt nun in eine zentrale Governance-Funktion der Nutzfahrzeugindustrie. Was macht diesen ungewöhnlichen Karriereschritt plausibel? Und warum entwickelt sich Legal & Compliance zunehmend von einer Kontrollfunktion zu einem strategischen Partner des Geschäfts? Genau diese Fragen beleuchten Fabian Hannen und Dr. Daniel Detambel in dieser Karriere-Lektion.

Videotranskript ausklappen

Fabian Hannen: Herzlich willkommen zu einer neuen Karrierelektion und wir werfen heute unseren Blick auf die Daimler Truck AG. Denn: Daimler Truck beruft Dr. Tobias Brandis zum 1. Oktober 2026 zum Chief Legal and Compliance Officer.

Dr. Daniel Detambel: Ja, das habe ich auch gehört.

Fabian Hannen: Was ich erstaunlich finde: Er war Rechtsanwalt bei Freshfields, dann fast zwei Jahrzehnte bei Wacker Chemie – zuletzt als President des globalen Polysilicon-Geschäfts. Und jetzt wechselt er in die Nutzfahrzeugindustrie. Kann das klappen? Du sagst doch immer: Branchenwechsel seien schwierig?!

Dr. Daniel Detambel: Das stimmt auch, aber hier sieht man sehr gut: Der Branchenwechsel gelingt über übertragbare Verantwortung und nicht über – ja, ich sage mal - Branchenetiketten.

Fabian Hannen: Was meinst Du damit?

Dr. Daniel Detambel: Na ja… Entscheidend bei der Berufung von Tobias Brandis war weniger die Frage, kann er nur Chemie oder auch Automotive, sondern entscheidend war, dass er komplexe internationale Geschäftssysteme steuern, Risiken bewerten, Transformation umsetzen und unterschiedliche Funktionen zusammenführen kann.

Fabian Hannen: Das heißt also: Gerade in regulierten, globalen Industrien ähneln sich die Führungsaufgaben oft stärker, als die Produkte es vermuten lassen.

Dr. Daniel Detambel: Völlig richtig!

Fabian Hannen: Dennoch: Bisher war Brandis Geschäftsbereichsleiter in der Chemie, jetzt wird er Chief Legal and Compliance Officer. Ist das nicht ein ungewöhnlicher Schritt?

Dr. Daniel Detambel: Er ist sicherlich ungewöhnlicher als der klassische Aufstieg eines General Counsel, aber strategisch plausibel. Und da sieht man ganz gut: Spitzenfunktionen werden heute breiter definiert. Ein Chief Legal and Compliance Officer muss Recht beherrschen – aber er muss vor allem rechtliche, regulatorische und Reputationsrisiken in unternehmerische Entscheidungen übersetzen. Er muss dem Vorstand sagen können: Was ist rechtlich möglich, was wirtschaftlich sinnvoll und wo entsteht ein Risiko, das unser Geschäftsmodell beschädigen kann?

Fabian Hannen: Und dafür ist Erfahrung außerhalb der Rechtsabteilung sicherlich ein erheblicher Vorteil…. Nun kommt ja noch hinzu: Tobias Brandis wird nicht nur verantwortlich für Legal und Compliance, sondern er übernimmt auch noch die Funktion des Human Rights Officers. Um was geht’s in dieser Rolle?

Dr. Daniel Detambel: Es geht darum, zu überwachen, ob das Unternehmen seine menschenrechtlichen und umweltbezogenen Sorgfaltspflichten im eigenen Geschäft und entlang der Lieferkette wirksam organisiert.

Fabian Hannen: Das heißt: Es geht um Risikoanalysen, Präventions- und Abhilfemaßnahmen, Beschwerdeverfahren …

Dr. Daniel Detambel: In der Tat. Und natürlich auch um Dokumentation und Berichterstattung. Nach dem deutschen Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz müssen ja die Unternehmen festlegen, wer dieses Risikomanagement überwacht und somit die Benennung eines Menschenrechtsbeauftragten ist ein ausdrücklich vorgesehener Weg.

Fabian Hannen: Dennoch…. Ist das inzwischen eine übliche eigenständige Position?

Dr. Daniel Detambel: In großen international tätigen Unternehmen ist die Funktion zunehmend üblich und relevant, aber häufig keine separate Vollzeit-Vorstandsrolle. So ja auch bei DAIMLER TRUCK. Sie ist oft mit Compliance, Legal, Nachhaltigkeit oder Risikomanagement verbunden.

Fabian Hannen: Was bei der Berufung von Tobias Brandis auch noch einmal durch die CEO sehr deutlich hervorgehoben wurde, ist Brandis´ unternehmerisches Denken. Ist das nur nett dahingesagt oder lässt sich daran auch etwas ablesen?

Dr. Daniel Detambel: Nee, da lässt sich durchaus etwas daran ablesen. Man sieht, dass sich die Rolle des Compliance-Officers verändert hat bzw. verändern muss. Man versteht in den Unternehmen immer mehr, dass Compliance nur dann wirkt, wenn operative Einheiten sie nicht als Bremse umgehen, sondern als Hilfe für belastbare Entscheidungen akzeptieren. Das heißt: Wer eine solche Funktion führt, muss daher Grenzen konsequent setzen und zugleich mit dem Geschäft im Gespräch bleiben.

Fabian Hannen: Zusammengefasst: Was können wir an der Berufung  von Tobias Brandis lernen?

Dr. Daniel Detambel: Dass es in solchen Funktionen nicht darauf ankommt, schon immer in der Branche beheimatet gewesen zu sein, sondern dass man glaubhaft nachweisen kann, dass man die Probleme und Themen, um die es geht, bereits in der Vergangenheit erfolgreich gelöst hat.

Executive Summary – 3 Kernergebnisse:

1) Branchenwechsel gelingen über übertragbare Verantwortung – nicht über Produktkenntnis

Auf Top-Level entscheidet sich ein Branchenwechsel weniger daran, ob eine Führungskraft das konkrete Produkt bereits kennt. Entscheidend ist, ob sie nachweisen kann, komplexe internationale Geschäftssysteme zu steuern, Risiken zu bewerten, Transformationen umzusetzen und unterschiedliche Funktionen zusammenzuführen. Wer solche Verantwortungen bereits erfolgreich getragen hat, kann seine Erfahrung auch in einem neuen Branchenumfeld einsetzen.

2) Legal & Compliance wird vom Kontrollorgan zum strategischen Business Partner

Die Rolle eines Chief Legal and Compliance Officers geht zunehmend über die reine juristische Prüfung hinaus. Gefragt sind Führungskräfte, die rechtliche und regulatorische Risiken in unternehmerische Entscheidungen übersetzen können: Was ist rechtlich möglich, was wirtschaftlich sinnvoll und wo droht ein Risiko für Geschäftsmodell oder Reputation? Dafür ist operative und unternehmerische Erfahrung ein erheblicher Vorteil.

3) Top-Karrieren definieren sich über gelöste Probleme, nicht über bisherige Funktionsbezeichnungen

Die Karriere von Tobias Brandis zeigt exemplarisch eine breitere Entwicklung im Top-Management: Entscheidend ist nicht, ob jemand schon immer exakt dieselbe Funktion oder Branche ausgeübt hat. Entscheidend ist, ob die Person glaubhaft zeigen kann, dass sie die relevanten Probleme bereits erfolgreich gelöst hat. Führungskräfte sollten ihr eigenes Karriereprofil deshalb weniger über Titel und Branchen und stärker über Verantwortung, Transformation und nachweisbare Problemlösungskompetenz definieren.

Themenübersicht:

Legal Compliance Karriere
Branchenwechsel Führungskräfte
Karriere Lektionen
Daimler Truck CLO
Management-News Daimler Truck