

Karriere-Lektionen
Folge 24
Die Neuaufstellung des Vorstands bei DB Cargo zeigt exemplarisch, wie sich Führungsrollen in Restrukturierungsphasen verändern. Warum werden die Funktionen von CRO und CFO zusammengelegt? Welche Kompetenzen sind in einer Unternehmenssanierung wirklich gefragt? Und woran erkennen Vorstände und Geschäftsführer, ob eine neue Rolle mit "Special Tasks" eine strategische Chance oder der Beginn des beruflichen Abstellgleises ist? Genau diese Fragen beleuchten Fabian Hannen und Dr. Daniel Detambel in dieser Karriere-Lektion.
Fabian Hannen: Eine neue Folge unserer Karrierelektionen für Top-Führungskräfte: Schön, dass Sie wieder mit dabei sind und Ausgangspunkt unserer heutigen Überlegungen ist eine aktuelle Pressemeldung von DB Cargo!
Dr. Daniel Detambel: Ja, spannend. Denn: Der Vorstand wird neu zugeschnitten, um die Sanierung zu beschleunigen und zugleich die EU-Vorgaben umzusetzen.
Fabian Hannen: Konkret: Oliver Tietze, bisher Chief Restructuring Officer, übernimmt zusätzlich Finanzen und Controlling und wird damit in Personalunion CFO. Martina Niemann bleibt im Vorstand, verantwortet aber künftig „Special Tasks“ – zentrale Sonderaufgaben, EU-Anforderungen, Sonderprojekte und Beteiligungen. Daniel: Was passiert da?
Dr. Daniel Detambel: Na ja: Fangen wir mal mit Oliver Tietze an.
Wir haben bei DB Cargo ja einen klassischen Restrukturierungsfall: Ein Unternehmen im europäischen Schienengüterverkehr soll wieder dauerhaft wettbewerbsfähig und profitabel werden und dafür werden jetzt Governance und Rollen werden dafür neu geordnet.
Fabian Hannen: Dass man jetzt die Ressorts Restrukturierung und Finanzen zusammenlegt und in eine Hand gibt: Was heißt das bzw. was kann man daraus lernen – und zwar losgelöst vom konkreten Einzefall DB Cargo?
Dr. Daniel Detambel: In der Krise wird Macht dort konzentriert, wo die Werthebel sind. Denn das ist klar: Cash, Kosten und Struktur sind untrennbar miteinander verbunden und wer dieses Paket glaubwürdig führen kann, wird zur zentralen Figur der Transformation.
Fabian Hannen: Ist das aus Deiner Sicht sinnvoll – dass der CRO auch die Kontrolle über die Finanzen hat?
Dr. Daniel Detambel: Ja, also zumindest unter zwei Bedingungen. Zum einen dann, wenn es wie im konkreten Fall um eine klar definierte Sanierungsphase mit starkem Change-Druck geht, inklusive EU-Verfahren – also regulatorischen Vorgaben, die harte finanzielle Konsequenzen haben. Und die zweite Bedingung, die erfüllt sein muss, damit eine solche Zusammenlegung sinnvoll ist: Der CRO muss über ein Profil verfügen, das sowohl tief in den Zahlen als auch in der Umsetzung steckt.
Fabian Hannen: Das heißt: Welches Profil braucht ein CRO, der zugleich CFO ist?
Dr. Daniel Detambel: Zum einen: Er muss ein echter Restrukturierungs-Profi sein. Er muss Sanierungen „mit hoher Konsequenz, Klarheit und großem Engagement“ vorantreiben – also bereit sein, unpopuläre Entscheidungen zu treffen und sie verständlich zu erklären. Zweitens: Er braucht so etwas wie eine finanzielle Architektenkompetenz. Heißt: es geht nicht nur darum, die Zahlen im Griff zu haben, sondern es geht um wirklich aktive wirtschaftliche Steuerung, Szenariorechnungen, Kapitalallokation.
Fabian Hannen: Noch was?
Dr. Daniel Detambel: Durchaus. Das EU-Verfahren, Sozialpartner, Mitarbeitende, Aufsichtsrat – all das verlangt auch ein belastbares Netzwerk und die Fähigkeit, Vertrauen in einer angespannten Lage zu halten.
Fabian Hannen: Lass uns nochmal einen Blick auf Martina Niemann und ihre neue Rolle „Special Tasks“ werfen. Ist so ein Ressort bzw. eine solche Sonderaufgaben-Verantwortung ein Abstieg?
Dr. Daniel Detambel: Pauschal würde ich sagen: Kommt drauf an. Entscheidend ist, welche „zentralen Sonderaufgaben“ dort landen. Im konkreten Fall geht es um die Umsetzung von EU-Anforderungen, wichtige Sonderprojekte und Beteiligungsthemen – also Themen mit hoher strategischer und regulatorischer Relevanz. Wenn diese Aufgaben im Wertschöpfungsmodell des Unternehmens eine Schlüsselrolle spielen, ist ein solche Rolle eher ein strategischer Auftrag und weniger ein Abstieg.
Fabian Hannen: Das heißt: Wenn ich Vorstand oder Geschäftsführer bin, und auf einmal trägt man mir eine solche Rolle an, in der es um Sonderaufgaben geht: Woran kann ich erkennen, ob diese Rolle eher für meine Karriere förderlich ist oder zur Karrierebremse wird? Was rätst Du?
Dr. Daniel Detambel: Den strategischen Impact der Rolle zu prüfen und sich nicht vom Titel blenden zu lassen. Bleibt man Mitglied des Vorstands? Sind die angedachten Themen, um die man sich kümmern soll, für den CEO und den Aufsichtsrat sichtbar und erfolgskritisch? Falls ja, dann spricht erstmal nichts dagegen.
Fabian Hannen: Und falls nicht?
Dr. Daniel Detambel: Wenn man ein Ressort mit dem Titel „Besondere Aufgabe“ zugewiesen bekommt, wo man in erster Linie irgendwelche wenig relevanten Konzeptpapiere erstellen soll, die nachher keinen interessieren, dann ist das eher ein Signal dafür, dass man geräuschlos entsorgt werden soll.
Fabian Hannen: Das heißt: Nicht jede Beförderung ist auch wirklich eine?
Dr. Daniel Detambel: Nein. Auf keinen Fall. Eine echte Beförderung zeigt sich daran, dass man mehr Verantwortung bekommt: Mehr Mitarbeiter, mehr Umsatz, mehr Budget, wichtigere Aufgabe. Ist das nicht der Fall, dann ist das ein klares Signal, dass die eigene Zeit abgelaufen ist und man zum Frühstücksdirekter befördert wird um in ein paar Monaten kostengünstiger abgeschoben werden zu können.
In Sanierungsphasen konzentrieren Unternehmen die entscheidenden Ressorts dort, wo die größten Werthebel liegen. Werden Restrukturierung, Finanzen und Controlling in einer Hand vereint, können Entscheidungen schneller getroffen und Transformationen konsequenter umgesetzt werden. Führungskräfte mit dieser Verantwortung werden zur zentralen Figur des Veränderungsprozesses.
Ob ein Ressort mit Sonderaufgaben eine Chance oder eine Sackgasse ist, hängt nicht vom Titel ab, sondern vom strategischen Einfluss. Sind die Themen für CEO und Aufsichtsrat sichtbar, erfolgskritisch und eng mit der Unternehmensstrategie verknüpft, kann eine solche Rolle die eigene Position sogar stärken. Fehlt dieser Einfluss, ist Vorsicht geboten.
Eine echte Beförderung zeigt sich durch mehr Entscheidungsbefugnis, größere Budgets, mehr Mitarbeiter oder einen höheren Beitrag zur Wertschöpfung des Unternehmens. Wer zwar einen neuen Titel erhält, aber keine zusätzliche Verantwortung übernimmt, sollte die Veränderung kritisch hinterfragen, denn nicht jede vermeintliche Beförderung ist tatsächlich ein Karriereschritt.