

Karriere-Lektionen
Folge 28
Abfindungspakete werden in der Automobilindustrie zur Serienrealität und treffen häufig erfahrene Top-Manager jenseits der 50. Eine hohe Abfindung klingt zunächst nach finanzieller Sicherheit, kann aber eine viel grundlegendere Frage aufwerfen: Was kommt danach? Denn der Verlust von Aufgabe, Verantwortung und beruflicher Identität wiegt für viele Führungskräfte schwerer als der finanzielle Einschnitt. Warum ein vorschneller „Not-Ruhestand“ deshalb gefährlich sein kann, wie Manager ein Abfindungsangebot finanziell und beruflich getrennt bewerten sollten und warum die Abfindung auch als Startkapital für einen zweiten Karriereabschnitt verstanden werden kann, beleuchten Fabian Hannen und Dr. Daniel Detambel in dieser Karriere-Lektion.
Fabian Hannen: Willkommen zu einer neuen Karrierelektion. Ausgangspunkt unserer heutigen Folge ist kein einzelner Personalwechsel, sondern ein Muster: In der Automobilindustrie werden aktuell reihenweise Abfindungspakete geschnürt – häufig für Manager jenseits der 50, oft mit Beträgen, die auf den ersten Blick beeindruckend aussehen und auf den zweiten Blick – ich glaube, das kann man so sagen – existenzielle Fragen auslösen.
Dr. Daniel Detambel: Das kann man in der Tat so sagen. Es ist keine zwei Wochen her, da rief mich ein Top-Manager, 56 Jahre alt, mit ordentlich Puls an, weil ihm nach 22 Jahren im Unternehmen eine Abfindung angeboten wurde – und der Personalleiter ihm auf die Frage „Was soll ich in dem Alter noch machen?“ lapidar antwortet: „Geh doch in Rente!“ Die eigentliche Kränkung war weniger das Gehen, sondern die Botschaft dahinter: „Du wirst nicht mehr gebraucht.“
Fabian Hannen: Das ist eine Szene, die viele gerade so oder ähnlich erleben. Was ist in einer solchen Situation die erste kluge Reaktion – jenseits von Wut oder Verletzung?
Dr. Daniel Detambel: Die erste kluge Reaktion ist, innerlich nicht sofort in die Ruhestandslogik zu kippen. Eine Million Euro Abfindung mit Mitte 50 klingt nach viel Geld, aber wer seriös durchrechnet, wie lange das nach Steuern reicht, stellt fest: Das ist kein lebenslanger Versorgungsauftrag, sondern eine Übergangsfinanzierung. Und mindestens genauso wichtig: Für die meisten ist der Verlust der Aufgabe, der Wirkung und der beruflichen Identität viel einschneidender als der finanzielle Schnitt. Und wer das anerkennt, trifft andere Entscheidungen.
Fabian Hannen: Was heißt das ganz konkret für jemanden, der in den nächsten Woche ein Abfindungsangebot auf den Tisch bekommt?
Dr. Daniel Detambel: Zum einen scheint es mir wichtig, finanzielle Klarheit herzustellen, bevor man unterschreibt. Also sehr konservativ durchzurechnen, was nach Steuern tatsächlich bleibt, wie lange das realistischerweise trägt und welche Lücken entstehen. Abfindung ist kein Ersatz für eine durchdachte Altersvorsorge, sondern bestenfalls ein Baustein.
Fabian Hannen: Und wenn Du sagst: konservativ, dann meinst Du, nicht zu optimistisch…
Dr. Daniel Detambel: Genau. Man muss davon ausgehen, dass sich der DAX nicht immer positiv entwickelt und möglicherweise aus 2 % Inflation auch mal 3 werden.
Fabian Hannen: Was sollte man noch tun?
Dr. Daniel Detambel: Meines Erachtens ganz wichtig ist, dass man die berufliche Frage getrennt von der Abfindungsfrage betrachtet. Die Frage „Will ich beruflich weitermachen?“ ist eine andere Frage als „Ist das juristisch ein faires Paket?“ Wer beides vermischt, unterschreibt entweder aus Kränkung nicht – oder aus Erschöpfung vorschnell.
Fabian Hannen: Viele denken ja in einer solchen Lage: „Zur Not gehe ich halt in den Ruhestand.“ Wer Dich kennt, weiß, dass Du davon nicht viel hältst. Warum nicht?
Dr. Daniel Detambel: Weil das auf den ersten Blick zwar als eine einfache Lösung aller Probleme erscheint, letztlich aber doch eine gefährliche Illusion ist. Abgesehen vom Finanziellen, kommen wirklich nur sehr wenige Top-Manager damit klar, von heute auf morgen keine Aufgabe mehr zu haben. Man muss sehen: Arbeitsleben ist mehr als Einkommen, es stiftet Struktur, Sinn, soziale Einbettung. Wer sich innerlich auf „Not-Ruhestand“ einstellt, plant nicht aktiv, sondern ergibt sich.
Fabian Hannen: Was wäre also eine klügere Reaktion?
Dr. Daniel Detambel: Na ja… Die Abfindung als Startkapital für den nächsten Abschnitt zu sehen, nicht als Schlussstrich.
Fabian Hannen: Lass uns das für Manager aus der Automobilindustrie mal konkret machen. In welchen Spielfeldern kann dieser „nächste Abschnitt“ stattfinden – jenseits der klassischen OEM-/Zulieferer-Branche?
Dr. Daniel Detambel: Anschlussfelder sind etwa industrielle Serienfertigung, Maschinenbau mit hoher Stückzahl, Mobilitätsinfrastruktur, Energie, auch bestimmte Bereiche der Rüstung – je nach persönlicher Haltung. Wer jahrelang Werke geführt, Plattformen industrialisiert oder globale Lieferketten gesteuert hat, bringt einen Werkzeugkasten mit, der weit über den Verbrennungsmotor hinaus gefragt ist. Wichtig ist, das eigene Profil nicht über die „Marke Arbeitgeber“, sondern über die Art der Probleme, die man lösen kann, zu definieren.
Fabian Hannen: Wenn jetzt die Pakete auf den Tisch kommen – was ist der eine Satz, den Top-Führungskräfte sich in diesem Moment sagen sollten?
Dr. Daniel Detambel: Der Satz lautet: „Die Abfindung beendet meinen aktuellen Vertrag – aber sie beendet nicht meine berufliche Bedeutung.“ Wer seine Finanzen klärt, seine berufliche Identität ernst nimmt und die nächste Aufgabe aktiv gestaltet, kann die Krise der Automobilindustrie nutzen, um einen bewusst gewählten zweiten Karriereabschnitt zu starten – statt in eine unfreiwillige Bedeutungslosigkeit abzurutschen.
Auch hohe Abfindungssummen sollten konservativ betrachtet werden. Nach Steuern, Inflation und langfristigem Kapitalbedarf kann eine vermeintlich große Summe deutlich schneller aufgebraucht sein als gedacht. Deshalb sollten Führungskräfte vor einer Entscheidung genau kalkulieren, welche finanzielle Reichweite die Abfindung tatsächlich hat und die Frage nach der nächsten beruflichen Perspektive nicht davon abhängig machen.
Die Frage „Ist das Abfindungsangebot fair?“ ist eine andere als „Will und kann ich beruflich weitermachen?“. Wer beides miteinander vermischt, riskiert aus Kränkung, Unsicherheit oder Erschöpfung eine Entscheidung zu treffen, die langfristig nicht zur eigenen Lebensplanung passt. Gerade Top-Manager sollten deshalb die berufliche Identität nach dem Ausscheiden aktiv gestalten, statt sich vorschnell mit einem Not-Ruhestand abzufinden.
Das Ende eines Arbeitsvertrags bedeutet nicht das Ende der beruflichen Bedeutung. Führungskräfte aus der Automobilindustrie verfügen häufig über hoch übertragbare Kompetenzen – etwa in Serienfertigung, Industrialisierung, Restrukturierung, globalen Lieferketten oder komplexen Produktionsnetzwerken. Wer sein Profil nicht über den bisherigen Arbeitgeber, sondern über die Probleme definiert, die er lösen kann, erschließt sich neue Spielfelder in Maschinenbau, Mobilität, Infrastruktur, Energie oder anderen Industrien.