

Karriere-Lektionen
Folge 8
Die Vertragsverlängerung von Tchibo-CEO Erik Hofstädter wirkt auf den ersten Blick unspektakulär – ist aber strategisch hoch relevant. Trotz öffentlicher Kritik sowie offener Nachfolgespekulationen entscheidet sich der Aufsichtsrat bewusst für Kontinuität an der Spitze. Diese Karriere-Lektion zeigt, warum Stabilität im CEO-Office in Transformationsphasen gezielt geschützt wird, weshalb Veränderung häufig unterhalb der Spitze stattfindet – und was Top-Führungskräfte daraus für ihre eigene Positionierung lernen können.
Fabian Hannen: 27. Februar 2026: Herzlich willkommen zu einer neuen Folge unserer Karrierelektionen. Und heute wenden wir uns einer Personalentscheidung zu, die auf den ersten Blick unspektakulär wirkt – und auf den zweiten ziemlich spannend: Denn: Tchibo verlängert den Vertrag mit CEO Erik Hofstädter.
Dr. Daniel Detambel: Genau. Auf den ersten Blick könnte man sagen: Routine. CEO bleibt, Vertrag verlängert. Haken dran! Aber wer die Hintergründe kennt, merkt schnell: Diese Entscheidung war und ist alles andere als selbstverständlich.
Fabian Hannen: Weil Hofstädter ja durchaus in der Kritik stand, oder?
Dr. Daniel Detambel: Völlig richtig. Einige störten sich zum Beispiel daran, dass er regelmäßig von Österreich nach Hamburg in die Zentrale pendelt, was nicht gerade als Signal von maximaler Präsenz in der Zentrale gewertet wurde.
Fabian Hannen: Nicht wenige Medien spekulierten ja auch bereits, man suche Ersatz.
Dr. Daniel Detambel: Absolut! Und es sind ja sogar schon Namen gefallen. Ich sage nur: Christof Queisser …
Fabian Hannen: Stimmt, das habe ich auch gehört. Der ehemalige Rotkäppchen-Chef sitzt ja zudem bereits im Tchibo-Aufsichtsrat und daher schien er einigen durchaus als möglicher Nachfolger. Dass Hofstädter nun bleibt, dass der Vertrag verlängert wird: Was heißt das?
Dr. Daniel Detambel: Na zum einen ist das ein klares Bekenntnis des Aufsichtsrats, zweitens eine strategische Neubewertung der Führungsrolle im Konzern.
Fabian Hannen: Was meinst Du damit – strategische Neubewertung?
Dr. Daniel Detambel: Na ja... Es signalisiert, dass man offenbar mehr Wert auf Kontinuität als auf Symbolpolitik legt. Tchibo steht mitten im digitalen Umbau, gleichzeitig kämpft die Marke mit Margendruck und Strukturveränderungen. In solchen Phasen ist Stabilität auf der CEO-Position Gold wert.
Fabian Hannen: Also könnte man sagen: lieber ein CEO, der den Kurs kennt – auch wenn er von Wien nach Hamburg pendelt –, als ein Neustart mit ungewissem Ausgang?
Dr. Daniel Detambel: Ganz genau. Noch spannender finde ich ja in diesem Zusammenhang: Finanzvorstand Jens Köppen geht und das nach über acht Jahren. Das zeigt, dass man Veränderung gezielt dort setzt, wo sie wirksam ist – im Finanz- und Vertriebsmanagement, nicht an der Spitze. Felix Albrecht, bisher für Vertrieb und Online zuständig, übernimmt – also jemand, der die digitalen Hebel versteht.
Fabian Hannen: Das ist also kein Signal des Stillstands, sondern eher eine Kombination aus Stabilität und Anpassung?
Dr. Daniel Detambel: Genau so. Es ist ein Balanceakt, den viele Unternehmen gerade versuchen: Stabilität im CEO-Office, Bewegung in den Schlüsselrollen darunter. Man könnte sagen – Tchibo macht das, was in Familienunternehmen häufig funktioniert: Evolution statt Revolution.
Fabian Hannen: Was kann man daraus lernen?
Dr. Daniel Detambel: Zum einen: Wer in Phasen von Umbau und Unsicherheit als verlässlicher, berechenbarer Stabilitätsanker wahrgenommen wird, erhöht massiv seine Verlängerungs-Chancen – auch wenn einzelne Aspekte (wie Pendeln, Präsenz, Stil) Angriffsfläche bieten.
Zum anderen: Es ist ratsam, sich als CEO so zu positionieren, dass man gleichzeitig Stabilität an der Spitze und zugleich Veränderungsbereitschaft im System verkörpert, denn dann wird man eher gehalten als ersetzt.
Fabian Hannen: Das heißt aber ja auch: Die eigene Story muss beim Aufsichtsrat klar sein, bevor über Verträge gesprochen wird?!
Dr. Daniel Detambel: Völlig richtig. Hofstädter bleibt, weil das Gesamtbild überzeugt: Kenntnis des Kurses, Verständnis der digitalen Hebel, bewältigte Transformationsetappen und ein klares Zukunftsnarrativ. Daher – und das sollte sich jede Top-Führungskraft klar machen: Wer seine Wertschöpfung, seinen Beitrag zur Transformation und seine Rolle in der nächsten Phase klar erzählt bekommt, schafft die Grundlage für genau solche Entscheidungen zu seinen Gunsten.
Fabian Hannen: Dann hätten wir es doch mal wieder für heute. Weitere Veränderungen auf Top-Level: Die finden Sie in unserem Personalia-Informationsdienst: Sollten Sie diesen noch nicht im Abo haben: Er ist kostenlos, Anmeldung über unsere Internetseite.
Dr. Daniel Detambel: Dann wünschen wir ein schönes Wochenende, Danken fürs Zuschauen …
Fabian Hannen: … und freuen uns, wenn Sie auch nächste Woche wieder mit dabei sind!
Wenn ein CEO trotz Kritik und öffentlicher Spekulationen gehalten wird, ist das kein Automatismus, sondern eine bewusste Entscheidung für Stabilität. In Phasen von digitalem Umbau, Margendruck und Strukturveränderung wird Kontinuität an der Spitze höher gewichtet als symbolische Neubesetzungen.
Tchibo kombiniert Stabilität im CEO-Office mit Bewegung in Schlüsselrollen darunter. Der Abgang des Finanzvorstands und die Nachbesetzung mit Digital-Fokus zeigen: Veränderung wird dort angesetzt, wo sie operativ wirkt – nicht zwingend an der Spitze.
Verlängert wird nicht der Titelträger, sondern das Gesamtbild: Kurskenntnis, bewältigte Transformationsschritte, Verständnis der digitalen Hebel und ein plausibles Zukunftsnarrativ. Wer seinen Beitrag zur nächsten Phase nicht klar erklären kann, verliert Halt – unabhängig von Amtszeit oder Reputation.