+49 611 371321
info@vogel-detambel.de
Mo. – Fr. 08:00-18:00
+49 611 371321
Mo. – Fr. 08:00-18:00

Karriere-Lektionen

Folge 27

Veröffentlichung:
07.08.2026

Wenn Automotive wankt: So finden Top-Manager ihr nächstes Spielfeld

Der Abschied von Peter Holdmann nach 26 Jahren bei ZF zeigt exemplarisch, wie stark sich Karrierepfade im Automotive-Umfeld verändern. Die Branche ist kein sicherer Hafen mehr und selbst langjährige, erfolgreiche Top-Manager können durch strukturelle Veränderungen vor einem neuen beruflichen Abschnitt stehen. Doch welche Alternativen gibt es? Welche Erfahrungen aus Automotive lassen sich in Maschinenbau, Mobilität, Infrastruktur oder andere Branchen übertragen? Und warum ist ein kompletter Branchenwechsel auf Top-Level deutlich schwieriger, als viele Führungskräfte vermuten? Genau diese Fragen beleuchten Fabian Hannen und Dr. Daniel Detambel in dieser Karriere-Lektion.

Videotranskript ausklappen

Fabian Hannen: Willkommen zu einer neuen Karrierelektion. Und Ausgangspunkt unserer heutigen Folge ist eine aktuelle Meldung aus der Automobilindustrie: ZF verliert einen wichtigen Vorstand für Fahrwerkstechnik, Peter Holdmann, nach 26 Jahren im Unternehmen.

Dr. Daniel Detambel: Das stimmt und gleichzeitig rückt Sebastian Schmitt, bislang Leiter der E-Division, in den Vorstand auf und übernimmt die Verantwortung für die doch etwas krisengeschüttelte Sparte.

Fabian Hannen: Krisengeschüttelt ist in der Tat der richtige Begriff, denn die Automobilindustrie ist im Umbruch und damit geraten auch klassische Karrierepfade ins Wanken. Daniel: Was heißt das für Manager, die ihren Job verlieren oder verlieren könnten?

Dr. Daniel Detambel: ZF ist ein gutes Beispiel für den systemischen Druck auf die Branche: nicht- kostendeckende Milliardenaufträge, Restrukturierungsprogramme, Abschreibungen in Milliardenhöhe und eine E-Division, für die zwischenzeitlich sogar eine Ausgliederung diskutiert wurde. Und – ja: In solchen Umbrüchen wird die Vorstandsstruktur neu sortiert – und plötzlich steht selbst ein langjähriger, erfolgreicher Top-Manager wie Holdmann vor einem „neuen beruflichen Abschnitt“. Das ist kein Einzelfall, sondern Teil eines größeren Musters.

Fabian Hannen: Wenn wir uns vom Einzelfall lösen: Was können Top-Führungskräfte an dieser Personalie lernen oder ablesen?

Dr. Daniel Detambel: Na ja … zum einen: Die Branche ist kein sicherer Hafen mehr, aber – und das ist die gute Nachricht an dieser Stelle – die eigene Erfahrung ist ein übertragbares Asset. Wer Fahrwerkstechnik, E-Mobilität oder komplexe Zuliefererstrukturen verantwortet hat, bringt Kompetenzen mit, die in anderen Industrien hoch gefragt sind: Systemintegration, Industrialisierung neuer Technologien, Steuerung globaler Produktionsnetzwerke.

Fabian Hannen: Das heißt: All diejenigen, für die es in der Automobilindustrie nicht weitergeht, müssen nicht in die Rente, sondern sie müssen sich die Frage stellen, wo es zukünftig weitergehen kann. Wo zum Beispiel?

Dr. Daniel Detambel: Autos sind ja rollende Maschinen. Daher: Erstmal alles, was rollt. Gabelstapler, Landmaschinen, dann aber auch Maschinenbau grundsätzlich, allerdings da eher Maschinenbau mit hoher Serienfertigung, Anlagenbau ist schon wieder anders.

Fabian Hannen: Was ist mir Rüstung?

Dr. Daniel Detambel: Rüstung war ja in den vergangenen Jahrzehnten für viele eine ungeliebte Branche, die man ablehnte. Das hat sich geändert. Erst die Tage bekannte mir ein Top-Manager, dass er zwar vor vielen Jahren den Dienst an der Waffe verweigert habe, um seine Zeit im Zivildienst abzuleisten, dieses heute aber anders sehen würde.

Fabian Hannen: Der Krieg in der Ukraine hat in der Tat die Einstellung von vielen verändert! Das merke auch ich im Gespräch mit unseren Kundinnen und Kunden…. Die Wahrscheinlichkeit, dass alle, für die es in der Automobilindustrie nicht weitergeht, in der Rüstung ihren neuen Job finden, wie hoch ist die?

Dr. Daniel Detambel: Sehr gering. Klar: Jeder denkt, 500 Mrd. Sondervermögen, und steigende Nachfrage nach Rüstungsgütern: Das müsste doch ein boomender Markt sein. So einfach ist das aber nicht. Denn zum einen sind 500 Mrd Sondervermögen, wenn man das Geld auf 10 Jahre verteilt, gar nicht so viel, zum anderen braucht es Zeit, diesen Markt aufzubauen. Und ich kann mir auch nicht vorstellen, dass dieser Markt einmal so groß werden wird, wie es der Bereich Automotive war bzw. aktuell noch ist.

Fabian Hannen: Deswegen, Du hattest darauf hingewiesen, sollte man auch angrenzende Bereiche oder Branchen in den Blick nehmen. Was ist denn mit einem völligen Branchenwechsel? Also beispielsweise raus aus Automotive rein in die Chemie?

Dr. Daniel Detambel: Das wird auf Top-Level nur sehr schwer möglich sein. Denn warum sollte die Chemie-Industrie einen Top-Manager aus der Automotive-Industrie einstellen? Klar: Lernen kann man alles, aber es gibt doch auch in der Chemie-Industrie keinen Mangel an Top-Managern, die einen neuen Job suchen und die das Geschäft schon kennen.

Fabian Hannen: Branchenfremde Manager könnten doch frischen Wind bzw. neue Ideen mitbringen? Wäre das nicht ein gutes Argument?

Dr. Daniel Detambel: Es ist zumindest ein Argument, das von vielen Manager, die die Branche wechseln wollen, verwendet wird. In der Praxis überzeugt es allerdings nur in begründeten Ausnahme- und Einzelfällen. Es gibt sogar mehrere Studien, die belegen, dass es – wenn überhaupt – nur dann lohnend sein kann, einen branchenfremden Manager an die Spitze eines Unternehmens zu setzen, wenn das Unternehmen mit dem Rücken an der Wand steht.

Fabian Hannen: Okay… Ein kompletter Branchenwechsel scheint also nicht die Lösung.
Ich will jetzt nochmal anders fragen: Was ist denn, wenn jemand ganz bewusst in der Mobilität bleiben will?

Dr. Daniel Detambel: Durchaus. Zumindest in vielen Fällen. Denn: Mobilität heißt in der Tat nicht nur Automotive. Wer heute aus einem OEM oder Zulieferer herausfällt, sollte das Spielfeld Mobilität und Infrastruktur weiterdenken: Software- und Plattformanbieter, Automotive-Zulieferer mit Elektrifizierungsfokus, Infrastruktur- und Energieunternehmen, zum Tiel auch Stadtwerke …

Fabian Hannen: Das heißt: Man muss sich, um weiterzukommen, die Frage stellen: „Wo wird in fünf bis zehn Jahren Wert im Mobilitätssystem geschaffen – und welche Rolle kann meine Erfahrung dort spielen?“

Dr. Daniel Detambel: Genau. Und Wer Fahrwerk, E-Antrieb oder R&D verantwortet hat, kann sich – wobei es immer wichtig ist, den Einzelfall in den Blick zu nehmen – als Brückenbauer zwischen Hardware, Software und Services positionieren.

Fabian Hannen: Lass uns vielleicht meinem Take-away schließen. Was ist der eine Satz, den Top-Führungskräfte aus dieser Personalie, dass Peter Holdmann ZF verlässt, mitnehmen sollten?

Dr. Daniel Detambel: Die Automobilindustrie ist ins Wanken geraten. Ja, das stimmt! Aber: Top-Manager müssen nicht mit ihr untergehen. Wer seine Transformationsbilanz kennt, sein Narrativ schärft und den Blick über die Branche hinaus richtet, dem kann es gelingen, den Einstieg in ein neues Spielfeld auf Top-Level einzusteigen.

Executive Summary – 3 Kernergebnisse:

1) Auch erfolgreiche Top-Manager sind vor strukturellen Umbrüchen nicht geschützt

Die Entwicklungen bei ZF zeigen, dass langjährige Unternehmenserfahrung und eine erfolgreiche Karriere keine Garantie für die nächste Position sind. Wenn Geschäftsmodelle, Märkte und Vorstandsstrukturen unter Druck geraten, werden auch etablierte Karrierepfade neu sortiert. Für Top-Manager wird deshalb wichtiger, die eigene Karriere nicht ausschließlich an den bisherigen Arbeitgeber oder die bisherige Branche zu binden.

2) Der beste nächste Schritt ist häufig nicht der komplette Branchenwechsel

Ein Wechsel von Automotive in eine völlig fremde Industrie klingt zunächst attraktiv, ist auf Top-Level aber schwierig. Unternehmen greifen bei der Besetzung von Spitzenpositionen häufig auf Führungskräfte zurück, die das jeweilige Geschäftsmodell bereits kennen. Erfolgversprechender kann deshalb der Blick auf angrenzende Märkte sein – etwa Maschinenbau, Mobilität, Infrastruktur, Energie oder technologiegetriebene Zulieferer.

3) Entscheidend ist nicht die Branche, sondern die übertragbare Transformationsbilanz

Top-Manager sollten ihre Erfahrung nicht als „Automotive-Erfahrung“ verkaufen, sondern als konkrete Problemlösungskompetenz. Wer beispielsweise komplexe Produktionsnetzwerke gesteuert, neue Technologien industrialisiert, Restrukturierungen umgesetzt oder Hardware, Software und Services verbunden hat, besitzt ein übertragbares Asset. Die entscheidende Karrierefrage lautet deshalb: Wo wird in fünf bis zehn Jahren Wert geschaffen und welchen Beitrag kann ich dort mit meiner Erfahrung leisten?

Themenübersicht:

Automotive Krise
Automotive Karriere
Karriere nach Automotive
Branchenwechsel Führungskräfte
Management-News ZF